Tokens auf der Überholspur

Martin Schwarz
| 4 min read
Blockchain-Technologie bietet mehr Potenzial als nur die Verwaltung von Kryptowährungen. Bild:
Freepik

Bis dato verbinden viele die Blockchain-Technologie und die dort verwendeten Token nur mit Kryptowährungen. Dabei kommen die Tokens in immer mehr realwirtschaftlichen Anwendungen zum Einsatz.

In den vergangenen Jahren blickten viele Kleinanlegerinnen und Kleinanleger sehr neidisch in
Richtung Immobilienmarkt. Dort ging eine wahre Rendite-Party ab, an der jedoch viele mangels Kapital nicht wirklich teilhaben konnten. Die Rallye für Eigentumswohnungen und Häuser hat die zu investierenden Kaufsummen in die Höhe getrieben. Dabei gibt es inzwischen technische Möglichkeiten, ein zu großes Investment, wie etwa ein attraktives Appartement-Haus in bester City-Lage, in viele kleine und damit finanziell stemmbare Teile zu trennen. Möglich macht das die Blockchain-Technologie.

Immobilienmarkt als Token-Vorreiter in Deutschland

In der deutschen und internationalen Immobilienwirtschaft gibt es bereits zahlreiche Pioniere, die die Blockchain-Technologie nutzen, um Wohnimmobilien in Tausende von digitalen Einheiten, sogenannte Token, zu unterteilen und als Anlageprodukt für Kleinanleger verfügbar zu machen. Experten rechnen damit, dass dies in einigen Jahren in einem größeren Stil zur Finanzierung von Immobilien eingesetzt werden könnte.

Grundsätzlich kann die Möglichkeit der Tokenisierung für alle Vermögensformen eingesetzt werden, und in näherer Zukunft wird diese Finanzierungsform auch einen signifikanten Anteil bei der Unternehmensfinanzierung haben.

NFT-Boom im Kunstmarkt

Die dezentrale Architektur der Blockchain-Technologie ist ein Garant gegen Tricksereien: Sie ermöglicht das eindeutige Zuordnen von Besitz sowie die direkte Übertragbarkeit von Werten über das Internet – darunter sind interessanterweise zunehmend auch mehr und mehr hochwertige Kunstobjekte – auf Basis der „Non Fungible Tokens“, kurz NFTs. Ein NFT –also ein „nicht ersetzbarer Token“ – ist ein digitales Gut, das sich nicht anfassen lässt – das aber dennoch nur einen Besitzer oder eine Besitzerin hat. Gerade in der Kunstszene, wo Einzigartigkeit zunehmend ihren Preis hat wie im Fall von Starkünstler Bansky, spielen die nicht ersetzbaren Token ihre Stärke aus.

Geld dagegen ist ein „Fungible Token“: Es hat einen fixen Wert. Die Inflation einmal ausgeblendet, hat ein 50-Euro-Schein immer denselben Wert. Anders ein NFT: Dieser kann nicht gegen einen festen Wert eingetauscht werden. Vielmehr kann der Wert des NFT wie der einer Aktie steigen, fallen oder für einen längeren Zeitraum auch gleich bleiben.

Schnelligkeit und maximale Datenintegrität als Vorzüge

Nutzerinnen und Nutzer von Blockchain-basierten Anwendungen können auf die Datenintegrität der Blockchain vertrauen – ein sehr hohes Gut in volatilen Zeiten. Sie können darauf vertrauen, dass die Transaktionen nur nach fest definierten Regeln durchgeführt und fälschungssicher aufgezeichnet werden.

Besonders in der Finanzindustrie findet der Einsatz in der Blockchain-Technologie Anklang. Für die Token sprechen neben der Fälschungssicherheit vor allem die Schnelligkeit, mit der Vermögenswerte oder Stimmrechte übertragen werden können.

Das gilt nicht nur für Banken, Versicherer oder andere große institutionelle Player – sondern auch für die Anlegerinnen und Anleger. Noch steckt der Markt für Tokens in der Entwicklungsstufe und ist in der Folge oft weniger liquide als der Markt für Aktien. Damit könnte es schwieriger sein, Tokens zu kaufen oder zu verkaufen, insbesondere bei kleineren Projekten oder Unternehmen.

In Deutschland und der Europäischen Union werden bereits Schritte unternommen, um die Kryptowährungen und den Einsatz der Blockchain-Technologie auch in traditionellen Wertpapieren zu regulieren. Um digitale Werte, wie Aktien, Immobilien, Schuldtitel, Währungen oder Krypto-Assets abzubilden, ist die Blockchain-Technologie gut geeignet. Aus diesem Grund sind Anwendungsfälle im Bereich der Finanzen in den vergangenen Jahren stark gewachsen.

Schweiz geht bei Tokens als Aktien-Alternative voran

Welche Dynamik in dem Token-Geschäft steckt, zeigt ein Blick nach Süden: in Richtung Schweiz. Bei den Eidgenossen ist die Gesetzeslage in Sachen Blockchain und Digitalisierung sehr experimentierfreudig und fortschrittlich. In der Schweiz können neben Aktien auch Token als Beteiligungsinstrumente ausgegeben werden – ein noch junger, aber sehr vielversprechender Markt.

Besonders Start-ups machen davon Gebrauch. Bei vielen der auf diese innovative Weise emittierten Papiere ist die Renditeentwicklung sehr positiv.

Zu erwähnen sind in diesem Zusammenhang beispielsweise die Token des Beratungsunternehmens BOSS Info AG, der Software-Firma DDC Swiss Shares SHA oder die Draggable Aktien der Aktionariat AG. Letztgenannte ist in der Schweiz so etwas wie der „Token der Tokens“. Die Aktionariat AG versorgt andere Schweizer Unternehmen mit digitalen Tools, um diesen den Handel mit Token zu eröffnen.

Mit Token Teil aufstrebender Digital-Start-ups werden

Auch die im Spätsommer 2021 gegründete Vidby AG aus der Schweiz hat einen Teil ihrer Aktien „tokenisiert“. Die digitalen Vermögenswerte haben besonders im Fall von Vidby eine sehr reale und aussichtsreiche Grundlage: Das Start-up hat auf Basis von Künstlicher Intelligenz eine Software entwickelt, die eine schnelle und präzise Übersetzung von Videos in mehr als 70 Sprachen möglich macht. Die Erstellung von Inhalten für ein globales Publikum, die interkulturelle Zusammenarbeit und der nahtlose Austausch von Wissen erfordern neue und technologische Ansätze.

Dank der fortschrittlichen Technologien von Vidby werden Videoübersetzungen jeder Länge und Komplexität schnell, kostengünstig und in hoher Qualität durchgeführt. Nach Angaben des Unternehmens braucht die Software für die Übersetzung einer Minute Originalvideo gerade einmal etwa zwei Minuten Zeit.

Die guten wirtschaftlichen Aussichten für Vidby spiegeln sich auch in der Wertentwicklung des entsprechenden Tokens wider: Dieser hat auf der Plattform Aktionariat seit dem Marktstart am 20. März vergangenen Jahres bis heute um mehr als 320 Prozent zugelegt.